
Interview wurde geführt von Waqar Ahmedi, Großbritannien
»O die ihr glaubt! Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denen vor euch vorgeschrieben war« (der Heilige Qur’an)
Malvika Acharya ist eine britische Hinduistin, die in London geboren und hauptsächlich in Lancashire aufgewachsen ist. Sie unterrichtet seit über 20 Jahren an verschiedenen Schulen und Colleges. Ihr Spezialgebiet ist der dharmische Glaube, aber sie hat auch eine Leidenschaft für alles, was mit religiöser Bildung und Philosophie zu tun hat.
Könnten Sie den hinduistischen Glauben in seinen wesentlichen Grundzügen beschreiben?
Der Hindu-Dharma ist ein komplexer und vielfältiger Glaube. Er umfasst ein breites Spektrum an Praktiken, kulturellen Lebensstilen und Glaubensvorstellungen. Im Wesentlichen handelt es sich um eine pluralistische Glaubenstradition, die oft missverstanden und fälschlicherweise als polytheistische Tradition dargestellt wurde. Das Heimatland der hinduistischen Tradition ist Indien, und es ist zum Teil der reichen geografischen Lage Indiens zu verdanken, dass wir diese Vielfalt an religiösen und kulturellen Traditionen vorfinden. Zwar gibt es viele hinduistische Feste und Gottesdienst-Traditionen, die im ganzen Land verbreitet sind, wie z. B. das Diwali-Fest, aber es gibt auch einige Praktiken, die auf Nord- oder Südindien beschränkt sind, wie z. B. die Tradition des Fastens und das Feiern bestimmter Feste.
Wird das Fasten in Ihrer Glaubenstradition praktiziert, und hat es einen bestimmten Namen?
Das Fasten, bekannt als Vrata, nimmt aufgrund der komplexen Vielfalt des hinduistischen Dharma viele Formen an. Vrata ist ein Sanskrit-Wort und bedeutet ›Gelübde, Entschluss, Hingabe‹.
Wann hat das Fasten in Ihrer Religion seinen Ursprung genommen?
Das dem Fasten zugrunde liegende Prinzip ist im Ayurveda zu finden. Dieses alte indische medizinische System sieht die Hauptursache für viele Krankheiten in der Ansammlung von Giftstoffen im Verdauungssystem. Eine regelmäßige Reinigung von Giftstoffen hält den Menschen gesund. Beim Fasten kommen die Verdauungsorgane zur Ruhe und alle Körpermechanismen werden gereinigt und korrigiert. Ein vollständiges Fasten ist gut für die Gesundheit, und die gelegentliche Einnahme von warmem Zitronensaft während der Fastenzeit verhindert Blähungen.
Gibt es in Ihrer Religion irgendwelche Regeln für das Fasten?
Fasten ist ein fester Bestandteil der Hindu-Religion. Es gibt verschiedene Arten des Fastens, die sich nach dem persönlichen Glauben und den örtlichen Bräuchen richten. Einige Beispiele sind:
Einige Hindus fasten an bestimmten Tagen im Monat wie Ekadashi (11. Mondtag des Monats) oder Purnima (Vollmondtag).
Auch bestimmte Wochentage werden je nach persönlichem Glauben und Lieblingsgottheit zum Fasten genutzt. Zum Beispiel Montag zu Ehren von Shiva, Dienstag zu Ehren von Hanuman, Mittwoch zu Ehren von Krishna, Donnerstag zu Ehren von Vishnu und Freitag zu Ehren der Muttergöttin, Samstag zu Ehren von Shani und Sonntag zu Ehren von Surya. An diesen Tagen nehmen die Gläubigen nur eine einfache Mahlzeit zu sich, und zwar am Ende des Fastens. Viele Gläubige verzichten an diesen Tagen auf den Verzehr bestimmter Lebensmittel wie Eier, Zwiebeln und Knoblauch.
Das Fasten am Donnerstag ist bei den Hindus in Nordindien sehr verbreitet. Karwa Chauth ist eine Form des Fastens, die es nur im nördlichen Teil Indiens gibt, wo verheiratete Frauen für das Wohlergehen, den Wohlstand und die Langlebigkeit ihrer Ehemänner fasten. Das Fasten wird gebrochen, nachdem die Frau den Mond betrachtet hat.
Auch die Methoden des Fastens sind sehr unterschiedlich und decken ein breites Spektrum ab. Bei strikter Befolgung nimmt der Fastende vom Sonnenuntergang des Vortages bis 48 Minuten nach Sonnenaufgang des folgenden Tages keine Nahrung oder Wasser zu sich. Fasten kann auch bedeuten, sich auf eine Mahlzeit am Tag zu beschränken und/oder auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten und/oder nur bestimmte Nahrungsmittel zu essen. In jedem Fall darf der fastende Hindu, auch wenn er kein Vegetarier ist, an einem Fastentag keine tierischen Produkte (z. B. Fleisch, Eier) essen oder auch nur berühren.
Fasten ist eine Frage des persönlichen Glaubens, und es gibt keine Regel, die die Anhänger zum Fasten zwingt. Es gibt Ausnahmen vom Fasten, z. B. für Menschen, die an bestimmten Krankheiten wie Diabetes oder Krebs leiden, für jüngere oder ältere Menschen und für Schwangere.
Warum fasten Sie?
Ich faste nur während Karwa Chauth – für die Langlebigkeit meines Mannes. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens habe ich Diabetes, und zweitens glaube ich nicht, dass man fasten muss, um seinen Glauben an ein göttliches Wesen zu beweisen. Ich persönlich bin der Meinung, dass man seine Taten über die Zeit hinweg in Betracht ziehen sollte.
Am Fastentag gehen viele Frauen zu ihrem örtlichen Mandir oder nehmen zu Hause an den folgenden Aktivitäten teil:
Die Frauen ziehen sich ihre schöne Kleidung an, tragen Schmuck und Henna. Die Fastenden sitzen mit ihren »puja thalis« (Tabletts) im Kreis. Das Karwa-Chauth-Puja-Lied wird gemeinsam gesungen; die Sängerinnen und Sänger führen die Feris (Weitergabe der Thalis im Kreis) durch.
Eine übliche Geschichte, die erzählt wird, ist das Märchen von Veervati. Danach bringen die Fastenden den Gottheiten baayna (eine Mischung aus frisch gekochten Leckereien) dar und übergeben sie dann an ihre Schwiegermutter oder Schwägerin.
Nach Abschluss der Fera-Zeremonie warten die Frauen auf den Aufgang des Mondes. Sobald der Mond sichtbar ist, ist es je nach Region und Gemeinschaft üblich, dass eine fastende Frau den Mond betrachtet. Dem Mond (Chandra, der Mondgottheit) wird Wasser angeboten (arka), um sich seinen Segen zu sichern. In einigen Regionen spricht die Frau ein kurzes Gebet, in dem sie um das lange Leben ihres Mannes bittet. Es wird geglaubt, dass die Frau in diesem Stadium, geistig gestärkt durch ihr Fasten, dem Tod (personifiziert durch Yama) erfolgreich entgegentreten und ihn besiegen kann. Der Ehemann nimmt dann das Wasser aus dem »Thali« und bietet es seiner Frau an. Mit dem ersten Schluck Wasser an diesem Tag ist das Fasten nun gebrochen und die Frau kann eine vollständige Mahlzeit zu sich nehmen.
Wann wird gefastet?
Einmal im Jahr, in der Regel im Oktober/November – der hinduistische Kalender basiert auf den Mondphasen, daher ändern sich die Daten der Feste jedes Jahr aufs Neue.
Was sind die Vorteile und Herausforderungen des Fastens?
Die Vorteile des Fastens liegen in der Selbstbeherrschung, und es hilft Ihnen, die Schwierigkeiten zu verstehen, mit denen andere die meiste Zeit zu kämpfen haben. Außerdem kann man sich so auf seinen Geist konzentrieren. Die Herausforderung besteht darin, dass es sich auf den Blutzuckerspiegel auswirken kann, sodass ich in verschiedenen Abständen eine Pause einlegen muss.
Gibt es noch weitere wichtige Informationen über das Fasten, die Sie erwähnen möchten?
Man darf nicht vergessen, dass die hinduistische Tradition sehr vielfältig ist und dass die Anhänger verschiedene Arten haben, das Fasten zu praktizieren, und eine Vielzahl von Tagen, an denen sie fasten oder auch nicht.
Kommentar hinzufügen